Du durchsuchst gerade das Tag-Archiv des 'Birkenau Tags.
Ahmed El-Saied Gommaa
Noch während der Busfahrt, bekam ich die ersten Eindrücke von den Konzentrationslagern und von den Verbrechen die dort begangen wurden, weil wir den mitreißenden Film „Schindlers Liste“ gesehen haben. Nachdem der erste Teil des Films fertig war, begingen wir das Gelände des ehemaligen KZ Plaszow und ich konnte mir aufgrund des Films einiges besser vorstellen, obwohl nicht viel von diesem KZ übrig war. Ich fand es sehr erschreckend wie unmenschlich der Umgang der Nazis mit den Juden war und wie viele Opfer es gab.
In unserem Hotel angekommen gab es dann auch gleich ein sehr interessantes Zeitzeugengespräch mit dem Herrn Stefan Mika, das von einer ganz anderen Perspektive erzählt wurde. Er erzählte uns wie seine Familie zwei Juden bei sich in der Scheune versteckten und wie viel Angst sie hatten, dass es jemand herausfand, weil sie ansonsten mit dem Tode dafür bestraft würden. Dieses Gespräch berührte mich sehr, weil ich mich an seine Stelle versetzen konnte und weil ich mir vorstellen konnte wie viel Angst sie gehabt hatten.
Am meisten hat mich die interessante Führung durch Auschwitz I und Auschwitz-Birkenau beeindruckt. Man konnte sehen wie groß das Lager Auschwitz-Birkenau war und wie die Häftlinge damals auf ängsten Raum und bei schlechtesten Lebensbedingungen leben mussten, obwohl das vorher für mich unvorstellbar war, weil wir im Unterricht immer nur von Fakten geredet haben. Außerdem hätte ich mir nicht erwartet, dass so viele Leute an diesem Marsch teilnehmen, dass mich sehr beeindruckt hat.
Am letzten Tag sahen wir uns das ehemalische jüdische Ghetto und Kazimierz an, was ich mir auch aufgrund des Filmes besser vorstellen konnte. Ich fand Kazimierz sehr schön und habe mich auch gefreut, dass dort sehr viel noch erhalten ist. Im ehemaligen jüdischen Ghetto konnten wir leider Oskar Schindler’s Fabrik nicht genauer sehen, weil dort momentan gebaut wird.
Diese Reise nach Polen war unvergesslich und man kann die Gefühle, die man dort empfunden hatte, schwer beschreiben. Im Großen und Ganzen war die Reise sehr gut organisiert und es war für mich sehr wichtig, dass ich mitgefahren bin, weil ich diese Orte in der Realität sehen wollte und weil ich jetzt viel mehr über die damalige Zeit und die Verbrechen die damals begangen wurden weiß.
Was hat uns am heutigen Tag (12. April) besonders bewegt?
Der Gedenkmarsch – so viele Menschen. Man denkt, dass die Geschichte vergessen wurde – so viele Menschen aus so vielen Ländern machen das Geschehene aber unvergessbar.
23 Mal größer als Auschwitz I war Birkenau. Es gab viel Grün zwischen den unzähligen Baracken; Das Geschehene ist kaum vorstellbar. Dennoch: Es hat zu wenig Gebäude für die große Anzahl von Menschen gegeben.
In der Ausstellung befinden sich keine Waffen, keine Uniformen. Exekutionsberichte und Dokumente wurden zur Beweissicherung aus dem KZ geschmuggelt. Wie sonst hätten die ZeitgenossInnen dieses Unfassbare glauben können?
Schuhe, Koffer, Bürsten, Brillen usw. wurden konserviert. Es war nicht richtig, dass die Haare ausgestellt werden, weil sie Teil der Menschen waren. Die Haare können nicht mehr erhalten werden, sie werden zerfallen – wir waren eine der letzten Gruppen, die sie gesehen hat.
Die Präsentation war nicht so grau und düster wie wir erwartet hatten. Im Gegenteil, sie wirkte ganz “friedlich”. Auch unsere Guide trug zu dieser Stimmung bei.
Die Nummer 16670. Der katholische Priester Maximilia Kolbe opferte sein Leben für einen Familienvater und ging statt diesem in die Hungerzelle. Nachdem Kolbe auch die beiden Wochen des Nahrungsentzugs überlebte, wurde er durch eine Phenolinjektion getötet. Der gerettete Familienvater hingegen überlebte das KZ und verstarb 1995.
Der unebene Boden aufgrund der Steine. Im Lager war alles war getrennt; vor allem Männer und Frauen. Die Häflinge auf den Fotos an den Wänden der Baracken scheinen uns heute noch anzusehen. Sie wurden ihrer Identität beraubt und nur durch Nummern gekennzeichnet.
Die Grundbedürfnisse wurden im Lager überhaupt nicht gedeckt – weder bei der Hygiene, schon gar nicht beim Essen.
Die Übertretung des Redeverbot während der Arbeit führte zur Inhaftierung in der Stehzelle (für zwei Wochen!). Zu viert waren diese Häftlinge auf eine Fläche von ein mal ein Meter eingesperrt. Viele überlebten diese “Sonderbehandlung” nicht. Die Todeswand (Genickschusswand) in einem Innenhof zwischen zwei Baracken ist heute ein Gedenkort im KZ und wird von vielen hohen PolitikerInnen besucht.
Gefährlicher als die SS-Männer waren für die Gefangenen oftmals Berufsverbecher. Diese Funktionshäftlinge (Blockwarte etc.) erfuhren eine bessere Behandlung und überwachten die übrigen Insassen bei Tag und bei Nacht. Im Gegensatz zu den Berufsverbrechern mussten diese auf einer Art Heuboden schlafen. Ein Etagenbett war für drei Menschen.
Das Gefühl auf den Gleisen zu gehen war sehr merkwürdig. Auch unser Mittagessen war skurril – wir aßen neben dem (vormals elektrischen) Stacheldrahtzaun. Überall war Wald. Ständig musste man aufpassen, inmitten der vielen Menschen die Gruppe nicht zu verlieren.
Die meisten Überlebenden haben es nur durch die Hilfe von anderen geschafft.
Das alles regt an nachzudenken – eigentlich haben wir es heute sehr gut.
Unerwartet war, dass der Großteil der Baracken bereits weg war. Man sah in leere Räume. Dadurch stellen sie nicht mehr das dar, was sie einmal waren – sie wurden zu neuen Orten.
Eine greifbare Form hat das Verbrechen durch die gesammelten Bilder der KZ-Häftlinge angenommen. Vor allem durch die genaue Dokumentation der Personen – Name, Geburtsdatum, Ankunftsdatum im KZ und Sterbedatum – wurde das Grauen viel lebhafter.
Die große Anzahl an Menschen, die ihr Leben in KZ lassen mussten, wurde vor allem durch die Haare, die Schuhe und Bürsten sehr deutlich. Allesamt persönliche Dinge der Häftlinge, ja sogar ihres Kopfhaares waren sie bei der Ankunft beraubt worden.
Für uns ist es sehr schwer nachvollziehbar, sich in die Situation hineinzuversetzen, wie es den Häftlingen ergangen ist. Vorstellung und Realität decken sich nicht mehr – beispielsweise erscheint das Eingangstor zu Auschwitz I mit dem Motto “Arbeit macht frei” sehr klein, da man im Hinterkopf auch immer an das Eingangstor zu Auschwitz-Birkenau denkt.
Im Vergleich dazu wirkt das Areal von Auschwitz-Birkenau dann aber größer, als wir es erwartet haben. Man steht an einem Punkt auf diesem Gelände und hat den Eindruck, es geht endlos weiter.
Ein Höhepunkt des Tages war der gemeinsame Gedenkmarsch – die Menschenschlage war so lang, dass man das Ende gar nicht gesehen hat. Zum Gedenken an die Opfer wurden kleine Holztäfelchen mit persönlichen Botschaften gestaltet:
Freddie Knoller, ein Zeitzeuge, erzählte uns von seinem Leben und Überleben in Auschwitz III. Überlebende betonen stets, dass sie die Zeit im KZ deshalb überlebt haben, weil ihnen jemand geholfen hat. Im Fall von Herrn Knoller war es Dr. Robert Weiß. Seine charmante englisch-deutsche begeisternde Erzählart hat uns alle mitgerissen und dennoch (oder trotzdem?) zum Lachen gebracht.
Der Tag war geprägt von ganz vielen Impressionen, die nun erst langsam wieder ins Gedächtnis kommen.
The one who does not remember history is bound to live through it again. (George Santayana)













