Anja Paul

Überraschender Weise war meiner stärkster Eindruck von dieser Reise Hoffnung.

Es ist ein Phänomen, das mich immer wieder überrascht, dass genau die Menschen die am meisten durchgemacht haben, wie zum Beispiel Zeitzeugen, immer am wenigsten jammern oder sich beschweren. Sie nehmen hin was sie erlebt haben und können ihr Leben vielleicht auch bewusste genießen, als andere.

Auch in Auschwitz war die Stimmung nicht wirklich bedrückt. Natürlich gab es Momente die mich geschockt haben, zum Beispiel diese Räume mit den Haaren der Menschen oder der Prothesen, welche die Nazis den Juden weg nahmen. Ich glaube zwar, dass wir nie wirklich realisieren können, was diese Menschen erlebt haben und wie sie psychisch und physisch regelrecht zerstört wurden und ihnen das was den Menschen ausmacht, nämlich die Möglichkeit frei zu denken und auch zu handeln und ein Individuum zu sein weggenommen wurde, aber nachdem man sowas gesehen hat, bekommt man, denke ich wenigstens eine vage Vorstellung.

Es gab teilweise Momente wo ich mich darüber geärgert habe, das wir uns Auschwitz mit so vielen fremden Menschen gleichzeitig ansehen, weil ich davon ausging, dass ich dann nicht so richtig in „Trauerstimmung“ kommen kann. Jetzt im Nachhinein, wo ich alles richtig verdaut habe, finde ich das war genau das richtige. Eins ist klar, man darf diese Tragödie nie vergessen und  vor allem darf so etwas nie wieder passieren, aber keines der Opfer wird wieder auferstehen weil wir trauern. Viel wichtiger ist, dass wir, und mit mir meine ich vor allem meine Generation, eine Botschaft in uns tragen, und die sollte Hoffnung und der Wille sein etwas an diesem antisemitischem Denken, das ja noch immer existiert, etwas zu ändern.

Gedenkmarsch

Und gerade, als ich da mit tausenden von anderen Jugendlichen marschiert bin, habe ich mir gedacht, dass wir uns eigentlich auf gar keinem schlechten Weg dahin befinden. Denn so uninteressiert und engstirnig wie die heutige Jugend dargestellt ist, kann sie gar nicht sein, wenn Tausende von uns gegen Antisemitismus marschieren und sogar teilweise um die halbe Welt fliegen.

Im Großen und Ganzen finde ich, dass uns diese Reise als Klasse auch ziemlich zusammen geschweißt hat, denn auch wenn wir es nicht bewusst wahrgenommen haben, ist Auschwitz eben doch ein sehr emotionaler Ort. Außerdem bringt so eine Reise glaube ich auch manche von uns, die sich sonst nicht so gerne mit solchen Themen auseinander setzen zum umdenken oder zum überhaupt einmal darüber nachdenken, was Antisemitismus und Rassismus bedeutet.

Birkenau - Stacheldraht